Das Tal der Elche

Wir fahren eine 70km Sackgasse nach Nikkaluokta. Auf halbem Wege gibt es einen Pferdehof mit „Islandhäster“ (Islandpferde). 

Der Inhaber des Hofes lagert seine Silageballen größtenteils draußen. 

Da die Elche zu dieser Zeit in den umliegenden Bergen zu wenig Futter finden, kommen sie ins Tal zum Pferdehof und fressen dort inmitten der Siedlung Silage. Bisweilen seien bis zu hundert Elche auf dem Hof, so sagt der Pferdemann. 

Wir haben keine hundert, aber sehr viele gesehen. 

Da wir bisher als Teilzeitvegetarier kaum Fleisch gegessen haben, überkommt uns bei einem Sami-Hof die Fleischeslust und wir decken uns mit Rentier- und Elchfleisch von bester Qualität ein. Das wird ein Fest!

Rentier- und Elchfleisch direkt von einem Sami-Hof
Nikkaluokta

Nordkapp ? Nein, Lappland im Winter

Wir müssen schweren Herzens die Lofoten und auch das Nordkapp streichen. Norwegen hat alle Grenzen geschlossen und verweist alle Touristen des Landes. Die Flug- und Fährhäfen sind ebenfalls größtenteils geschlossen. 

Zudem haben wir ein weiteres Problem:

Der Inhalt unseres Gastanks (die Energiequelle unserer Heizung und unserer Küche) neigt sich dem Ende. Gastankstellen sind hier im Norden nicht sehr dicht gesät. Die Gastankstelle in Kiruna befüllt im Winter nur Flaschen und kann oder will unseren Tank nicht befüllen. In Finnland gibt es gar keine LPG-Tankstellen. Die nächstgelegene wäre in Norwegen. Dort lässt man uns, wie gesagt, nicht rein. Die nächste in Schweden wäre in Piteå an der Ostsee, ca. 400 km südöstlich. 

Wenn Schweden auch die Häfen schließen sollte, ist der Heimweg abgeschnitten, denn über Dänemark heim zu fahren ist keine Option, da die Dänen ähnlich wie die Norweger niemanden mehr ins Land lassen. Das macht uns etwas Sorge, versetzt uns aber noch nicht in Panik. Momentan stehen wir bei Leif und fahren Langlauf-Ski. Vielleicht sehen wir die nächsten Tage noch ein paar Nordlichter. Wir denken noch nach. 

Kiruna Kyrka
Kiruna Kyrka
Kiruna Kyrka
Kiruna Kyrka
Kiruna Kyrka
Kiruna Kyrka

In Kiruna wird mit der LKAB im großen Stil Eisenerz abgebaut.
Dieses wird mehrmals täglich mit der Kiruna-Narvik-Bahn über die Schiene nach Larvik transportiert. Der Erzabbau bestimmt das Leben in Kiruna, derzeit wird die halbe Stadt verlegt, da man befürchtet, die Gebäude könnten über den Abbauflächen einstürzen.

Im Hintergrund der Förderturm
Langlauf-Ski bei Leif
Die einsame Grille bei Leif
Das beschauliche Leben in Lappland


Wir treten den Heimweg an.

Schweren Herzens haben wir uns für die Heimreise entschieden.

Lange haben wir darüber nachgedacht, ob es noch Sinn macht, wie geplant nach Finnland zu reisen, doch da alle Touristenattraktionen derzeit wegen der Corona-Krise geschlossen sind, haben wir uns dagegen entschieden.

Auch hatten wir heute morgen im Supermarkt so ein komisches Gefühl, als seien die Menschen irritiert, dort noch deutschsprachige Touristen anzutreffen, das ist uns in der gesamten bisherigen Reisezeit nicht ein einziges Mal passiert, überall waren die Menschen überaus interessiert und ausnehmend freundlich.

Einen letzten Versuch starten wir noch in Richtung Abisko, um noch ein paar Nordlichter zu sehen. Die KP-Index-Prognose für die kommende Nacht  ist gut, dann ist jedoch der Himmel bewölkt, und das Verziehen der Wolken erfolgt synchron mit dem Sinken des KP-Indizes. Als der Index wieder steigt,  dämmert der Morgen. Dumm gelaufen. Sollte nicht sein.

Rastplatz nahe Abisko
Vor Snow-Scooter wird hier oft gewarnt

Ein paar kleine Nordlichter hatten wir bereits am letzten Abend bei Leif gesehen.

Langlauf-Ski fahren bei Leif

Wir fahren Richtung Piteå, der Gastank muss nun endgültig gefüllt werden, doch der Weg ist weit und beschwerlich und Andi müde.

Einen Übernachtungsplatz finden wir ganz einsam an einem verlassenen Hafen direkt an der vereisten Ostsee.

Sonnenuntergang über der vereisten Ostsee

Unser Abendessen besteht heute aus Reker-Toast, das brauchen wir dringend um die Stimmung zu heben.

Und plötzlich kommt die Meldung von der Aurora-App: „Wenn der Himmel klar ist, können sie in der nächsten Stunde möglicherweise das Nordlicht sehen“

Anziehen, raus, Kamera einstellen, Stativ, und wir werden nochmals mit ein paar wunderbaren Nordlichtern belohnt.

Wenn das kein Zeichen ist, dass unsere Entscheidung die Richtige ist!

Vom Winter in den Frühling in zwei Tagen.

Die Corona-Krise hat nun auch Einfluss auf unsere mentale Verfassung genommen. Ganz entgegen unseren sonstigen Reisegewohnheiten spulen wir Kilometer runter. Wir fahren die schnellste Strecke, nehmen die Autobahn und halten auch nicht mehr rechts und links,  auch dann nicht, wenn sich Sehenswürdigkeiten durch die gewohnten braunen Schilder präsentieren. Die Bilder und Nachrichten, die uns aus Italien erreichen lähmen uns zusehends.
Die Luft ist raus, wir wollen heim. 

Wir übernachten zunächst in Boviken, Skelefteå.

Die Ostsee ist hier noch gefroren
… und taut hier und da langsam auf
erste Löcher im Eis

… die nächste Nacht in Trångfors Smedja, Hallstahammar.

… fahren von dort das Ostufer des Vätternsee südwärts Richtung Malmö.

Vättern

Der Vättern ist der zweitgrößte See Schwedens und immer noch dreieinhalb Mal größer als der Bodensee. Er präsentiert sich uns bereits völlig eisfrei. In „normalen“ Wintern ist er von Januar bis März nahezu komplett zugefroren und bietet den Anwohnern Sommers wie Winters eine Menge Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. 

Blick über den Vättern von Jönköping Richtung Husqvarna

Kurz vor Malmö finden wir den letzten Übernachtungsplatz in Schweden. Morgen wollen wir den Transit durch Dänemark wagen. 

Kurz vor Malmö in Lomma, im Hintergrund der Öresund
Öresundbrücke im Hintergrund
erste Frühlingsboten

Passt auf Euch auf, bleibt gesund!!

Wieder zuhause

Wir beginnen unsere letzte Etappe mit der Auffahrt zur Öresund-Brücke.
Die Öresund-Brücke führt von Malmö nach Kopenhagen, die Staatsgrenze Schweden-Dänemark liegt inmitten des Öresunds.
Die Fahrbahn ist ungewöhnlich leer, einige LKW, sehr sehr wenige PKW.

Öresund-Brücke, ungewöhnlich leer
Öresund-Brücke

Am Ende der Brücke, dort wo die Fahrbahn über die künstliche Insel in den Tunnel geleitet wird, werden wir mit Barken ausgebremst und auf die Insel geleitet.
Am Rande der Abfahrt stehen alle fünf Meter Hochleistungs-Scheinwerfer.
Unten angekommen sehen wir einige weiße Zelte (Säuchenzelte?) und sehr viele Offizielle in gelben Warnwesten, einige davon bis zur Halskrause bewaffnet. Es ist nicht viel zu tun, denn der Güterverkehr kann ungehindert oben weiter in den Tunnel einfahren und PKW sind eh kaum unterwegs.


Wir werden auf einen Bereich, der mit Panzerplatten ausgelegt ist, geleitet und zeigen unsere Personalausweise vor.
Der Grenzbeamte fragt uns, ob das offizielle Ausweise seien (Andi vermutet, dass er uns damit in einen Small-Talk verwickeln will, um zu testen, ob wir Krankheitsanzeichen aufweisen) Wir reden sehr lange mit dem Grenzer, woher wir kommen, was wir vorhatten, wohin wir wollen und warum das Ganze. Nach einiger Zeit entspannt sich die Lage und er erzählt uns von den armen Kopenhagenern, die eingesperrt auf wenig Quadratmeter in der Stadt langsam einen Lagerkoller entwickelt. Ein Naherholungsgebiet in der Stadt an einem See, wo sonst viele Jogger und Spaziergänger unterwegs seien, habe man in eine Einbahnstrasse überführt, damit die Menschen den vorgeschriebenen Abstand einhalten können, und sich nicht mehr zwangsläufig begegnen müssen.

Er wünscht uns eine gute Weiterfahrt und entlässt und in den Tunnel.

Wir wollen Fähren vermeiden, deshalb nehmen wir den etwas längeren Weg über Land und fahren Richtung „Store Belt“. Auf der Store-Belt-Brücke weht ein kräftiger Seitenwind, der die Grille ordentlich durchschüttelt. Uns wird Angst und Bange. Andi muss das Lenkrad so fest halten, dass er auch einige Zeit nach Überquerung der Brücke noch die Maserung des Lenkrads in den Handinnenflächen sehen kann.

Brücke über den „Store Belt“ (großer Belt)
auf halbem Wege auf der Store-Belt-Brücke

Wir überqueren die „Lille-Belt“-Brücke

Brücke über den „Lille Belt“ (kleiner Belt)

Bei der Einreise nach Deutschland läuft es ähnlich ab, wir werden von der Autobahn heruntergleitet, während der gesamte Güterverkehr unbehelligt weiterfahren darf. Auf dem Seitenplatz stehen sehr viele Offizielle und wieder diese weißen Zelte.

„Guten Tag, mein Name ist XYZ, Bundespolizei, Grenzkontrolle. Machen sie bitte das Auto aus. Nehmen sie bitte die Sonnenbrille ab.“, so die Ansprache.

Wir erzählen wieder unsere Geschichte, scheinbar sind wir glaubwürdig genug, dass auch er uns nach einiger Zeit der Unterhaltung fahren lässt.

In Deutschland sind schon die Störche angekommen und der Frühling hat seine ersten Boten in unseren Garten geschickt.

Auf baldiges Wiedersehen, wir werden diese Reise irgendwann zu Ende bringen.